Patriotische Bauchschmerzen

beängstigende normalisierung …
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Patriotische Bauchschmerzen (Spiegel 49 vom 29.11.2004)

Die international abgehängten Deutschen mühen sich um eine „normalisierte“ nationale Identität. Doch der Erfolg von Malern, Autoren und Popmusikern mit heimatstolzen Themen, das neue Interesse für die Täter-Generation und der Jubel um den Kinofilm „Der Untergang“ wecken auch Argwohn.

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Patriotische Bauchschmerzen

Die international abgehängten Deutschen mühen sich um eine „normalisierte“ nationale Identität. Doch der Erfolg von Malern, Autoren und Popmusikern mit heimatstolzen Themen, das neue Interesse für die Täter-Generation und der Jubel um den Kinofilm „Der Untergang“ wecken auch Argwohn.

Die Stimme zart, die Augen fast geschlossen, doch was ist das, hören wir richtig? Mieze, 24, Sängerin der Berliner Band Mia, als aufgehender Popstern gefeiert, singt nicht nur auf Deutsch, sondern auch für deutsch, für eine Art Vereinigung von Eros und Vaterland: „Ich fühl dich bei mir und genieße / Deine Hand in meiner Hand / Was ich jetzt weiß und noch nicht wusste / Bin nicht mehr fremd in meinem Land.“

Was die Sängerin tut, nimmt sich ähnlich auch der Maler Norbert Bisky, 34, heraus – deutsche Skrupel einfach abzulegen. Sein Gemälde „Kein Sturm hält uns zurück“ zeigt blonde Knaben, einer hebt verdächtig den rechten Arm, und kein Sturm des Protestes erhebt sich. Im Gegenteil: Der Ostler, der bei Georg Baselitz studierte, ist ein Star der „Young German Art“. Amerikanische und englische Sammler fliegen auf seine Knaben aus malerischem Kruppstahl.

Auch im Kino spielt man die Pathos-Gesten aus brauner Zeit plötzlich mit bemerkenswerter Entschlossenheit zur Naivität nach. In „Napola – Elite für den Führer“(Start: 13. Januar) erzählt der Regisseur Dennis Gansel, 31, die Nazi-Welt von innen, taucht lustvoll in den Mief des Internatsbetriebs hinab und frischt die Jugenderinnerung des Tätervolks auf.

Scheint ganz so, als mache sich derzeit in Deutschland ein oft irritierender Willen zur Unbefangenheit breit: eine Art Sehnsucht nach später Wiedergeburt. Noch ist es in der Kulturszene zwar nicht so weit wie im Bundestag, wo vergangene Woche Kanzler Gerhard Schröder und Angela Merkel im Wettbewerb der Troubadoure verkündeten: „Wir lieben unser Land.“

Aber auch Roman- und Sachbuchautoren behandeln deutsche Geschichte und Identität nun oft frei vom Ruch ewiger nationaler Verdammnis: Bombenopfer, Kriegstote und Vertriebene sind mehr als die gerechte Strafe für Auschwitz, so heißt es nun, die Tragödien dieser Menschen bilden auch deutsche (Nach-)Kriegsgeschichte.

In Popsongs nicht nur der Berliner Band Mia tritt neuerdings ein Kulturstolz zu Tage, der wie dazu geschaffen scheint, über die ökonomischen Niederlagen der Deutschen hinwegzutrösten.

Der Hamburger Songschreiber Peter Heppner, 37, lässt es zusammen mit dem Techno-Musiker Paul van Dyk symbolisch krachen. In einem Videoclip spaziert Heppner vorbei an zertrümmerten Häusern und einem einbeinigen Kriegsheimkehrer; zwischendurch sieht man Schnitte vom „Wunder von Bern“, dem WM-Finale von 1954.

Der Text des Erfolgssongs „Wir sind wir“ strotzt vor trotzigem Weltschmerz und brüstet sich mit geborgten Gefühlen – gegen wen und für was bleibt im nationalistischen Nebel: „Auferstanden aus Ruinen dachten wir, wir hätten einen Traum vollbracht / 40 Jahre zogen wir an einem Strang, aus Asche haben wir Gold gemacht / Jetzt ist mal wieder alles anders, und was vorher war, ist heute nichts mehr wert / Jetzt können wir haben, was wir wollen, aber wollten wir nicht eigentlich viel mehr?“

Die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ bekam, den Text im Ohr, „Bauchweh“, der deutsche „Rolling Stone“ nannte das Stück ein „ekelhaftes Trümmerfrauenlied“. Der Hamburger Pop-Impresario Alfred Hilsberg, 57, einst Pionier des deutschen Punkrock, hört „Spiele mit provokativen Elementen“ und warnt: „Verstärkt durch die Wiedervereinigung ist ein manchmal dreister, leichtfertiger und geschichtsverdrängender Umgang mit Worten und Werten in den Alltag eingedrungen. Viele von gesellschaftlichen Umbrüchen Verunsicherte klammern sich an scheinbar sichere Elemente aus einer vermeintlich heilen Welt. Sie trauen sich wieder.“

Durchaus harmlose Deutsch gesungene Lieder von einheimischen Talenten wie Juli, Silbermond, Wir sind Helden oder 2raumwohnung laufen verstärkt im Radio, deutsche Elektronikhits werden auf CDs wie „Neue Heimat“ zusammengestellt. Eine neue Plattenfirma heißt „Sing‘ Deutsch!“ – nicht unbedingt ein kreativer deutscher Urschrei.

Als Antwort auf die unter anderem von der Grünen-Politikerin Antje Vollmer erhobene Forderung nach einer Rundfunkquote für Musik aus deutschen Landen bildete das traditionell kämpferisch linke Musikblatt „Spex“ jüngst einen Schäferhund auf dem Titel ab, darunter die Schlagzeile: „Halt’s Maul, Deutschland“. Doch, ganz ohne Zwangsquotierung, melden öffentlich-rechtlicher und privater Rundfunk steigende Anteile heimischer Popmusik.

Jene Leichtigkeit und manchmal Leichtfertigkeit, wie sie Hilsberg in der Pop-Nation diagnostiziert, hat in Film und Fernsehen längst die Erinnerungsverarbeitung von Holocaust und Nazi-Zeit erfasst. Die Grauen der Judenvernichtung erscheinen auserzählt, aufs Publikum wirken die Täter unterhaltungstechnisch attraktiver – so in Filmen wie „Napola“.

Dort erlebt der 17-jährige Held Friedrich (Max Riemelt), als begabter Boxer gegen den Willen seiner Eltern in Hitlers Eliteschule aufgenommen, die Zeit in dem braunen Internat nicht viel anders, als man es aus Pubertätsdramen wie „Törless“ oder „Crazy“ kennt: heimliche Sehnsüchte nach weiblichem Dienstpersonal, Furz-Wettbewerbe, Lehrersadismus. Es dauert über eine Stunde, bis sich der Film zu einer Haltung zur Nazi-Zeit bequemt – die Eliteschüler müssen entflohene russische Kriegsgefangene jagen und werden kurz vor Schluss noch jäh geläutert.

Film und Fernsehen, um pädagogische Aufgaben nicht mehr besorgt, benutzen die Vergangenheit immer ungenierter als Steinbruch für melodramatische Unterhaltung. Auch Bernd Eichingers Kinohit „Der Untergang“ wirft einen staunenswert kühlen Blick auf deutsche Schuld, der offenbar Platz schafft für lange verpönte Identifikation.

„Der Untergang“ kommt dem Zeitgeist entgegen, der auf Grenzen zwischen Beobachter und Beobachtetem Wert legt. Die Zuschauer sehen, wie es bei Hitlers gewesen ist. Denn er ist es gewesen, nicht wir. Keine Szene erinnert daran, dass dieser Mann bei der Mehrheit der Deutschen Unterstützung fand. Manifestiert sich da ein falsches Mitleid für den Diktator, wie die polnische Tageszeitung „Gazeta Wyborcza“ schreibt? Die bittere Erkenntnis lautet: Mitleid, selbst mit einem wie Hitler, ist nun mal kein moralisch steuerbares Gefühl, sondern Bestandteil der Kunstform Tragödie, die nicht dem Guten, sondern nur sich selbst dient.

Die „Normalisierung“ in der Behandlung der Vergangenheit ist in manchen TV-Produktionen von Oberflächlichkeit nicht zu unterscheiden. Das ZDF erzählte vor kurzem die dreiteilige Geschichte der „Kirschenkönigin“, eine von Justus Pfaue nach Erinnerungen seiner Großmutter geschriebene Story, in der das Leben einer jüdischen Bankierstochter geschildert wird.

In farbsatten Bildern, umgeben von blühenden Bäumen, überlebt die Heldin versteckt auf einem Gutshof – eine tapfere Frau. Gute nichtjüdische Deutsche stehen zu ihr, fast jede Szene schmeckt nach Kirschkompott und Schönfärberei. Der Holocaust erscheint hier wie „Vom Winde verweht“.

In anderen Fernsehstücken zu anderen Themen zeigt sich überzeugender der Wille zum Neuanfang ohne nationale Skrupel. Wie Sat.1. am Montag und Dienstag dieser Woche „Die Nibelungen“ präsentiert, das hat wahrhaft etwas von frischfröhlicher Naivität. Kein Wagner-Tiefsinnsgedöns, kein Germanistengeraune („wunders vil geseit“), stattdessen robustes Fantasy-Spiel, schöne Kerle (Benno Fürmann), schöne Weiber (Kristanna Loken), viel Fechten und viel Fauchen – Geschichte zum Konsumieren.

Gleichfalls von neudeutscher Naivität und Kraft zeugt, was Edgar Reitz kurz vor Weihnachten mit „Heimat 3“ bietet. Die modernen Probleme von Wiedervereinigung, Zuwanderung, Strukturwandel, Familienzerfall brechen Reitz und sein ostdeutscher Co-Autor Thomas Brussig auf ihren heimatlichen Horizont herunter: auf ein Haus über dem Rhein, in Loreley-Nähe. Die Cineasten fluchen, die Programmverantwortlichen zittern, aber das Ding könnte funktionieren, weil ein Macher passend zum Zeitgeist kompromisslos an seinen Wurzeln festgehalten hat.

In der Kunstwelt hat man die Vokabel „deutsch“ als trendiges Markenzeichen entdeckt. Deutsche Maler – neben Bisky etwa Tim Eitel und Neo Rauch – beleben eine pathetische Formensprache neu, wie sie lange als historisch erledigt galt, und werden international als Stars gefeiert. Deutsch sein (und Erfolg haben) heißt dabei manchmal auch, eine Sache nicht um ihrer selbst willen, sondern mehr aus Versehen zu tun. Galeristen preisen neue Talente gern als „Young German Artists“ an – das klingt frisch und soll den Eindruck vermitteln, es gäbe eine Generation aus dem Kunstqualitätsland Germany, die mindestens so aufregend sei wie die „Young British Art“ der neunziger Jahre.

Im Frühjahr warben deutsche Händler auf der New Yorker Kunstmesse Armory Show mit „Young German Art“-Schildern; der Deutsche Akademische Austausch Dienst organisierte eine Ausstellung namens „D-Light. Young German Artists in New York“. Solch forsche Deutschland-PR hätte vor zehn Jahren noch als unzulässiger Chauvinismus eines Volkes gegolten, das historische Schuld auf sich geladen hat. Jetzt nimmt keiner Anstoß.

Das finden Fachleute wie der neue Documenta-Chef Roger Buergel nicht weiter erstaunlich. Für ihn sind „patriotische Tendenzen keine spezifisch deutsche Angelegenheit, sondern ein globales Phänomen.“ Derlei Emotionen bewegten insbesondere „die Mittelschichten, deren Vertreter ja auch im Kulturbereich sitzen und die angesichts stetiger Veränderung massiv verunsichert sind“. Typisch deutsch erscheinen ihm nur die oft „ostentativen Akte der Selbstversöhnung“ – so sei etwa bei der Eröffnung der Flick-Collection eine Art trotziges Abschließen mit der Vergangenheit zelebriert worden.

Versöhnlich? Die Londoner Galerie Haunch of Venison, zu Hause im schicken Westend der Stadt, zeigte vor kurzem eine Schau mit „Young German Art“. Die Einladungskarte zierte das Gemälde einer schwarz-rot-goldenen Flagge. Auf dem rotbraunen Einband der Begleitbroschüre prangte in Frakturschrift der deutsche Ausstellungstitel „Heimweh“. Im Heft schwärmte die deutsche Gastkuratorin, es gäbe eine neue Bildsprache, die „typisch deutsch“ sei – und überhaupt eine Strömung „weg von der Idee des Internationalen und hin zu nationalen Themen“.

Als Beispiel deutlich deutscher Ästhetik wurden in der Galerie etwa die Bilder des Malers Andreas Hofer, 41, präsentiert. Auf denen sind gespensterhafte Gestalten und auch erfundene Logos zu sehen, von denen es im Katalog hieß, „sie könnten an Nazi- oder SS-Symbole erinnern“. Aha. Immerhin lässt die gruselige Aura ahnen, dass es hier jemand kritisch meint.

Bisher allerdings gemahnten deutsche Künstler wie Anselm Kiefer oder der 1997 verstorbene Martin Kippenberger sehr viel entschiedener an die üble deutsche Vergangenheit. Kiefers dunkle, großformatige Aufarbeitungskunst und Kippenbergers radikalironische Gemälde wie „Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz entdecken“ boten eindeutige Botschaften.

Die Künstler heute wollen (und können) mit ihrer Vergangenheitsbewältigung kaum noch provozieren. Eher geht’s darum, möglichst tiefsinnig deutsch auszusehen.

Direkt nach der Wiedervereinigung war ein deutsch-deutscher Bilderstreit ausgebrochen – der Westen warf dem Osten vor, mit seinem pathetischen Alltagsrealismus keine Kunst, sondern gemalte und gemeißelte Propaganda produziert zu haben. Nun ist es der Nachwuchs aus den Ost-Akademien, insbesondere aus der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst, der mit seinem – cool verjüngten – Realismus die weltweite Kunstszene erobert. Wer spät kommt, den belohnt das Leben. Als Pionier des Ost-Chics gilt der Leipziger Neo Rauch, 44: Alles auf seinen frühen Bildern ist farbenfroh nostalgisch. Die Menschen scheinen in einem Niemandsland herumzuirren, in dem nur noch ein paar Fabrikschlote Orientierung geben.

Tatsächlich bedienen viele Künstler und Galeristen diverse teutonische Klischees – Nicolaus Schafhausen, 39, Leiter des Frankfurter Kunstvereins und Initiator der viel beachteten Schau „deutschemalereizweitausenddrei“ erkennt in diesem Trend durchaus eine „restaurative Tendenz“. Dass nun alle Welt ausschließlich auf die oft deutschlastige Malerei blicke, sei gefährlich für das Ansehen der hiesigen Kunst, „denn es spiegelt nicht wider, was hier zu Lande produziert wird“.

In der deutschen Literatur wurde Thomas Manns Formel „Leiden an Deutschland“ (1946) zum Leitgestirn der Nachkriegszeit. Schon Heinrich Böll fiel auf, dass es keinen einzigen Nachkriegsroman gebe, „in dem sich die Bundesrepublik als blühendes, fröhliches Land dargestellt findet“.

Im Gedenken an die Verbrechen Hitler-Deutschlands habe sich die deutsche Nachkriegsintelligenz darauf versteift, so schrieb Botho Strauß 1993 in seinem SPIEGEL-Essay „Anschwellender Bocksgesang“, „dass man sich nur der Schlechtigkeit der herrschenden Verhältnisse bewusst sein kann“. Patriotische Emotionen galten als höchst unfein. Strauß, Jahrgang 1944, hatte dagegen schon 1985 zaghaft in einem Gedicht die Frage gestellt: „Bin ich denn nicht geboren in meinem Vaterland?“

Im Vorwort einer in diesem Jahr publizierten Anthologie „stadt land krieg“ (Untertitel: „Autoren der Gegenwart erzählen von der deutschen Vergangenheit“) wird festgestellt, wie prägend für viele der Jüngeren das prekäre Verhältnis der Eltern und Großeltern zu Begriffen wie „Heimat“ und „Vaterland“ nach dem Krieg gewesen sei.

Eine der Herausgeberinnen, Tanja Dückers, Jahrgang 1968, sagt von sich: „Wir sind die erste Generation, die nicht mehr mit Krieg und Vertreibung konfrontiert ist.“ Dückers‘ im Vorjahr erschienener Roman „Himmelskörper“ markiert den Versuch, sich mit Distanz und literarischer Genauigkeit der Großelterngeneration zu nähern.

„Bin ich denn nicht geboren in meinem Vaterland?“

Das Interesse an den Erlebnissen der Vorfahren, der Eltern oder Großeltern, ist auffällig. Dagmar Leupold („Nach den Kriegen“) versucht den eigenen Vater als „Mann ohne Zukunft“ erzählerisch zu fassen. Monika Jetter beschreibt ihr Buch „Mein Kriegsvater“ als „Versuch einer Versöhnung“. Im Fall von Thomas Medicus‘ Bericht „In den Augen meines Großvaters“ begibt sich der Enkel auf die Spur des Großvaters, eines Generalmajors im Zweiten Weltkrieg – der Titel zeigt schon an, dass es nicht um pure Identifikation, sondern um das Vermessen von Distanz geht.

Es sei schon seltsam, „wie letzthin Bücher aus dem Boden schossen, die das deutsche Leiden im Bombenkrieg zum Thema machten“, kommentierte „Die Zeit“ befremdet diese Entwicklung – ganz so, als hätte man es mit einer Krankheit zu tun.

Wirklich Skandal machte zu Beginn des Jahres aber eine Roman-Kolportage, deren Autor tatsächlich nicht nur mit Unbefangenheit, sondern mit einiger Dreistigkeit ans Werk gegangen war: Der Berliner Schriftsteller Thor Kunkel, 41, kombinierte in seinem Buch „Endstufe“, vorab vom Rowohlt Verlag als ein „packendes, minutiös recherchiertes Porträt der morbiden Nazi-Gesellschaft“ beworben, muntere Pornografie und bizarre Herrenmensch-Phantasien. Kunkel schilderte die Deutschen vor allem als Opfer. „Ich verstehe mich als Mahner“, sagte er; seinen Verleger Alexander Fest beschlichen kurz vor der Veröffentlichung des Buches Skrupel. Am Ende, als sich das Skandalgeschrei gelegt hatte, erschien „Endstufe“ im Eichborn Verlag; ein Erfolg wurde es nicht.

Doch kann der Fall Kunkel, können die Erinnerungen etwa an die Opfer des Luftkriegs wirklich als Beleg dienen, dass die Deutschen dabei sind, ihren Vorfahren pauschal und bedenkenlos zu vergeben? Oder handelt es sich um mal missglückte, mal gelungene Versuche, gegen jahrzehntelange Verschleierung im Dienst politischer Korrektheit anzugehen? Vorbildlich und ohne Sentimentalität tut dies Christoph Hein, 1944 geboren, in seinem Roman „Landnahme“, der das Schicksal eines Flüchtlingskindes in Deutschland Ost erzählt.

Zu den vernachlässigten Themen der deutschen Identitätssuche gehörte lange auch die Sprache. In den vergangenen Monaten aber offenbarte gerade die Erbitterung, mit der die Rechtschreibdebatte geführt wurde, wie sehr den Menschen ihre ja tatsächlich scharfsinnige und wunderschöne Sprache am Herzen liegt.

Darf man also dem Deutschen gegenüber eine andere Haltung als die der Gleichgültigkeit einnehmen? Darf man die Sprache sogar lieben? Ein Gedanke, der jüngst anklang, als der Journalist Thomas Steinfeld in der „Süddeutschen“, vorsichtig abgefedert, eine Eloge anstimmte: Mit der Entstehung des Deutschen hänge „etwas beinahe Wunderbares“ zusammen: „die Fähigkeit, sich selbst zu gestalten, sich selbst zu normieren, dabei aber den größten Respekt vor dem von außen Hinzukommenden walten zu lassen, einen Respekt, der immer wieder Züge der Begeisterung, ja sogar der Bekehrung aufweist“.

Das Deutsche als ein Schlüssel zur Welt – klingt fast zu schön.

CHRISTOPH DALLACH, NIKOLAUS VON FESTENBERG, VOLKER HAGE, ULRIKE KNÖFEL, MARTIN WOLF