Und die Tröte für drei Euro

Welthunger und Weltmeisterschaft,

schreibt Ingo Groepler-Roeser in einer Glosse für lisa.

Überall Gejohle. In der saftigen Dreifarbigkeit präsentieren sich die Fans der Weltöffentlichkeit. „Fußball verbindet.“ Anstelle der Krieger mit Rüstung, Speer und Schild toben sich heutzutage die Helden von Nationen in der Arena am Leder aus. Die zahlreichen Hauptsponsoren der WM haben es richtig klingeln lassen, um diese Meisterschaft dem „totalen Erfolg“ auszuliefern. Die beste Vermarktung seit Urzeiten, und Sport ist immerhin besser als Krieg. Ich schraube an einem Regal. Die Nachbarschaft ist aufgebracht. Die Säge ist zu laut, der Bohrer drängt sich zu unangenehm auf. Und zu guter Letzt auch noch der markenlose Akkuschrauber. Nach 22.00 Uhr kann das wirklich auf die Nerven gehen. Draußen weicht der idyllische Sommerabend dem Erfolgsgeschrei der Stämme, die ihre Helden mit bierseligem Ritual ehren möchten. Ihre Gesänge, ihre herrlich frischen bunten Billigfahnen, ihre traditionsreichen Stammeslieder und ihre pompösen Feuerwerke sollen wohl irgend welche bösen Geister vertreiben. Mich mit meinem Schraubgerät? Es drängt sich die Frage auf, warum ein Teil der Menschheit so immens viel Geld dafür aufbringt, den westlichen Luxus um eine Wochenparty mehr zu verbessern. 15 Hauptsponsoren haben insgesamt nahezu eine Milliarde Euro investiert, um ihr Markenzeichen im Zentrum der Mattscheibe, auf allen Plakaten und im Radio zu platzieren. Zum Vergleich: Deutschland hat sich erst im Jahr 2005 zu einem jährlichen Almosen von 40 Millionen Euro als Beteiligung zum Schuldenerlass gegenüber den ärmsten Ländern der Welt verpflichtet. Es kann unkommentiert bleiben, was dann Markt bedeutet, wenn man selbst den größten Blödsinn dergestalt zu verherrlichen bereit ist, auch wenn er niemandem etwas nützt. Fußball als Weg aus dem Hunger, als Lösung der Weltarmut? Das Spektakel existiert um seiner selbst willen, es verbraucht Plastik, schafft neuen Müll, fördert nachhaltige Aggressionen („ist doch alles gut gegangen“) und täglich wird der Rasen gepflegt. Jedenfalls kann als sicher gelten, dass in wenigen Tagen, wenn der Spuk nämlich vorüber ist, keiner mehr so leichtfertig mit einer Deutschlandfahne herumwedelt, ohne dafür von seiner Umgebung milde belächelt zu werden. Ein Allrad-Jeep mit dunklen Scheiben kreuzt draußen auf der Strasse, vierfach beflaggt zwischen Nord und Süd hin und her. Mein Sohn sagt „Auto“. Das nächste Regal wartet auf den Monteur.