Cerberus übernimmt in Deutschland Gewerkschaftsimmobilien

Bereits im Dezember war dasc umstrittenen Geschäft perfekt – 37 gewerblich genutzten Liegenschaften wurden von der deutschen Gewerkschafts-Immobiliengesellschaft GGI an den US-Fonds Cerberus verkauft, trotz starker Proteste. Cerberus ist erst kürzlich Haupteigentümer der Gewerkschaftsbank BAWAG P.S.K. geworden. Bereits nach Bekanntwerden der Verkaufsabsichten hatte es eine Welle des Protests gegeben. dpa meldete

Sachsens Gewerkschaftschef Hanjo Lucassen reagierte am Dienstag mit scharfer Kritik auf den Verkauf, der der klammen Gewerkschaft Bares in die Kassen spülen soll. Es werde ein wichtiges Stück Geschichte der Arbeiterbewegung „in die Hand von „Heuschrecken“ gegeben“. Die Gewerkschaft mache sich unglaubwürdig, wenn sie an Finanzinvestoren verkaufe, deren Geschäftsstil in Sonntagsreden gegeißelt werde, monierte Lucassen.

Zu dem Paket gehören hauptsächlich Gewerkschaftshäuser in den neuen Ländern sowie in Hannover. Konkret wechseln im Osten laut DGB Sachsen Gewerkschaftshäuser in Leipzig, Dresden, Zwickau, Bautzen, Chemnitz, Magdeburg, Jena und Suhl den Besitzer. Zum Portfolio gehören außerdem 19 Bankfilialen der ehemaligen Bank für Gemeinwirtschaft (heute SEB) in westdeutschen Großstädten.

Insgesamt kaufte Cerberus Immobilien mit einer Fläche von 146.000 Quadratmetern. Die Cerberus-Gruppe ist nach eigenen Angaben eine der weltweit größten Fondsmanagementgruppen. Seit ihrer Gründung vor 12 Jahren investierte hat die Cerberus-Gruppe an verschiedenen Standorten in den USA, Asien und Europa insgesamt mehr als 40 Milliarden US-Dollar (knapp 30,4 Milliarden Euro) investiert und verwaltet zur Zeit ein Vermögen von mehr als 18 Milliarden US-Dollar (rund 13,7 Milliarden Euro). Erst jüngst bekam sie – gemeinsam mit österreichischen Investoren – den Zuschlag für die BAWAG P.S.K.

Kommentare

  1. Joachim Kühnel sagt:

    Dieser Artikel vor der Unterstreichung wurde von Labournet Germany e.V. Bochum veröffentlicht:

    Labournet: X. Internationales > Österreich: Skandal um die BAWAG

    Cerberus kauft Bawag – Gewerkschaftsbank soll an die Börse

    „Der österreichische Gewerkschaftsbund (ÖGB) verkündete Donnerstagnacht den Verkauf seines wirtschaftlichen Herzstückes, die Bank für Arbeit und Wirtschaft (Bawag), an die US-Beteiligungsgesellschaft Cerberus. »Damit wird es uns in höchstmöglichem Ausmaß möglich sein, schuldenfrei zu werden«, vermerkte ÖGB-Chef Rudolf Hundsdorfer zum Mega-Deal gewohnt ungelenk und trocken…“

    Artikel von Hannes Hofbauer, Wien, in Neues Deutschland vom 16.12.06
    http://www.nd-online.de/artikel.asp?AID=102147&IDC=3

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    Begonnen hat der finanzielle Showdown des ÖGB mit extrem verlustreichen Spekulationsgeschäften der gewerkschaftseigenen Bawag in den 1990er Jahren. Dabei wurden mit Währungsspekulationen eine Milliarde Euro in den Sand gesetzt. Um das Debakel zu vertuschen, haftete die damalige Gewerkschaftsführung mit dem gesamten Streikfonds der österreichischen Arbeiter für die Ausfälle. Die Fortführung hoch riskanter Geschäfte in den USA führte zur Verhaftung eines Beteiligten und zu weiteren Verlusten. Als dies an die Öffentlichkeit drang, wurde die Gewerkschaftsspitze ausgetauscht. Der Konkurs von Bawag und ÖGB konnte nur durch eine von ÖVP-Bundeskanzler Wolfgang Schüssel ausgesprochene Staatshaftung von 900 Millionen Euro abgewehrt werden.

    3,2 Milliarden Euro wird der Finanzinvestor Cerberus für die Bawag auf den Tisch legen. Dem ÖGB wird davon nicht viel bleiben. Nach der Abdeckung eines 400-Millionen Kredits der Bayerischen Landesbank sowie zusätzlichen ÖGB-Schulden von geschätzten 2,5 Milliarden Euro dürfte gerade einmal ein Jahresbudget der Gewerkschaft auf der Habenseite verbucht werden.

    Abschreibungen wie die Beteiligung an einem Casino im palästinensischen Jericho, das seinen Betrieb wegen der Kriegswirren nie aufgenommen hat, tun ihr übriges. Nach Vertragsabschluss mit der US-Finanzgruppe wird der ÖBG ohne Schulden dastehen, jedoch seinen über Generationen von Mitgliedern aufgebauten Streikfonds verloren haben. Zudem wird der ÖGB mit dem Problem konfrontiert sein, Jahr für Jahr weniger Einnahmen zu haben als für Ausgaben nötig sind.

    Dies bestätigte indirekt auch Gewerkschaftschef Rudolf Hundsdorfer, als er weitere Sparmaßnahmen in Aussicht stellte. Als erstes zog der ÖGB vergangene Woche in ein billigeres Quartier. Cerberus-Chef John Snow, ehemaliger US-Finanzminister, macht keinen Hehl aus den Absichten des Investors. Die Bawag soll in fünf Jahren börsenfit gemacht werden. Mit Rationalisierungen bei gleichzeitiger Renditeerwartung von 15 Prozent werden die »Heuschrecken« ihrem Namen alle Ehre machen. »Cerberus« war in der griechischen Mythologie jener Höllenhund, der den Eingang zur Unterwelt bewachte und darauf aufpasste, dass niemand, der sich im Hades befand, je wieder das Himmelslicht erblickte.

  2. Joachim Kühnel sagt:

    aus dem Newsletter von Labournet e.V. Bochum:

    Neues Deutschland, vom 17. November 2006

    Tradition im Ausverkauf – Volkshaus Leipzig: Der DGB-Vorstand setzt auf Geld statt Geschichte

    Von Hendrik Lasch

    Der DGB verkauft Häuser. Dazu gehört das Volkshaus Leipzig, einst ein florierendes Unternehmen und steinerner Zeuge der Gewerkschaftstradition. Die Basis rebelliert, der Vorstand wirkt geschichtsvergessen.

    Die Zwetschgen kamen waggonweise aus Franken. Sie verhalfen Leipziger Arbeitern zu ungeahnten Gaumenfreuden: Obstknödel waren für sie in den Kriegsjahren nach 1914 ein seltener Genuss. Im Volkshaus gelangten sie hin und wieder auf den Tisch, ebenso wie Pökelfleisch, das auf skurrilem Wege in die Großstadt gelangt war: Es wurde verpackt in Weinfässern.

    Der Mann, der mit der Nahrungsbeschaffung ein frühes Zeugnis seines organisatorischen Genies ablegte, hieß Karl Wicklein. Er war seit 1911 Geschäftsführer des Volkshauses in Leipzig. Sechs Jahre zuvor hatten sich die Gewerkschaften das Haus errichtet – als »Stätte der Aufklärung, Ermunterung, Geselligkeit und Erholung« für die organisierte Arbeiterschaft, wie es hieß. Wicklein sorgte dafür, dass das Haus dem Anspruch gerecht werden konnte: Er organisierte es zu einem florierenden Unternehmen. In Franken wurden Obst und Gemüse angebaut, in der Pfalz besaß man eigene Weinberge. Es gab eine Fleischerei, in der Wicklein, ein gebürtiger Thüringer, Rostbratwürste herstellen ließ, ein Restaurant, das 3000 Gäste am Tag versorgte, dazu Herberge und Hotel.

    Die rege wirtschaftliche Tätigkeit war kein Selbstzweck, sagt Horst Schilling, Enkel des Geschäftsführers, der im Familienarchiv auch alte Bilanzrechnungen des Volkshauses aufbewahrt. Die Einnahmen der vielen Firmen, so belegen die Papiere, erlaubten es gewerkschaftsnahen Kultur- und Bildungsvereinen, sich zu niedrigen Mieten im Volkshaus niederzulassen. Bildung für Arbeiter, sagt Schilling, sei seinem Großvater ein Herzensanliegen gewesen. Der Porzellanmaler stammte aus ärmsten Verhältnissen; Buchführung hatte er im Fernstudium gelernt.

    Für Leipzigs Gewerkschaften war Wicklein ein Glücksfall. Er rettete ihr Haus über den Krieg; er organisierte den Aufbau, nachdem es beim Kapp-Putsch niedergebrannt worden war; und er sorgte für ein legendäres Kulturleben. Wenn es darum ging, Arbeiter an die Gewerkschaften zu binden, war das Volkshaus ein Pfund.

    Und noch ein Ziel verfolgte Wicklein mit den gemeinnützigen Unternehmen: Die Gewerkschaften sollten eine wirtschaftliche Basis für ihre politischen Kämpfe erhalten. Deshalb gründete der »Unternehmer im Auftrag der Arbeiter«, wie Schilling seinen Großvater nennt, eine Sparkasse. Zuvor habe man Geld bei bürgerlichen Banken angelegt – nur, um sich »mit den eigenen Geldern bekämpfen zu lassen«, schrieb Wicklein. Damit sollte Schluss sein: »Solange die kapitalistische Gesellschaft besteht«, bedeute »Kapital eine Macht« und werde sich »für den Besitzer immer nutzbringend auswirken«.

    »Champagner saufen, Eigentum verkaufen« Nun ist das Leipziger Volkshaus 101 Jahr alt. Die kapitalistische Gesellschaft gibt es noch immer. Die Gewerkschaften aber sind dabei, ihr Kapital preiszugeben. Wohnungen, Versicherung und Banken sind bereits veräußert. Jetzt stehen sogar Gewerkschaftshäuser zum Verkauf, darunter das in Leipzig. Der DGB wolle sich von unternehmerischen Beteiligungen trennen, so der Vorstand. Er verkaufe seine Seele, heißt es in Leipzig, wo Mittwochabend zur Mitgliederversammlung geladen wurde.

    Horst Schilling hat an die Leipziger Gewerkschafter einen Brief geschrieben. Er wird verlesen, während die 60 Delegierten zu ihren Plätzen im Gartensaal streben. Karl Wicklein, der unternehmerische Gewerkschafter, hätte einem solchen Verkauf nie und nimmer zugestimmt, schreibt Schilling. Seine Nachfahren in Leipzig bezweifeln das nicht. Wie erbost sie über die Pläne des DGB-Vorstands sind, belegen derbe Parolen: »Champagner saufen, Eigentum verkaufen«, heißt es. Auch DGB-Chef Michael Sommer wird heftig angegriffen.

    Sommer stand ganz oben auf der Einladungsliste für das Treffen am Mittwoch. Geschickt wurde Finanzchef Norbert Haak. »Das ist die Wertschätzung der Basis«, kommentiert ein Funktionär säuerlich, bevor sich die Türen schließen. Man wolle, so Leipzigs DGB-Chef Bernd Günther, »in der Gewerkschaftsfamilie ein paar Wahrheiten deutlich aussprechen«.

    Igor Münter wartet damit nicht, bis er im Saal ist. Der Anwalt für Arbeitsrecht, der seine Kanzlei im Volkshaus hat, widerspricht dem Vermögensverkauf aus vielen Gründen. Der im engen Kreis gefasste Beschluss sei, ist er überzeugt, »satzungswidrig«. Zudem sei er politisch falsch, fügt er hinzu und sagt in Anspielung auf potenzielle Käufer des Leipziger Hauses: »Wer Wanderheuschrecken füttert, darf sich nicht wundern, wenn deren Hunger wächst.« Und schließlich verweist auch Münter auf die Geschichte des mit Arbeitergroschen erbauten Hauses.

    Um die kümmert sich ein kleiner Kreis um Münter und die Historikerin Monika Kirst seit Jahren. Sie haben unter dem Dach des Volkshauses einen »Geschichtsboden« eingerichtet mit Zeugnissen von Bau und Zerstörung, von Streiks und Chorproben, von Gesellenherberge und Weinausschank. Ein Mann, um den sie dabei nicht herumkommen, ist Karl Wicklein.

    Dabei hätte das Volkshaus auf dessen Erbe fast verzichten müssen. Als Horst Schilling 1993 zum ersten Mal nach Leipzig fuhr, gewann er den Eindruck, dass der DBG mit Geschichte nichts am Hut hat. Er hatte gelesen, dass die Gewerkschaft die Volkshäuser von der Treuhand zurückkaufen wollte. Schilling nahm die Akten seines Großvaters, um zu belegen, dass der DGB deren rechtmäßiger Besitzer war. Im Vorzimmer war Schluss. Man habe keine Zeit und werde zurückrufen, hieß es. Der Anruf kam nie.

    Wo Geschichte in einer Nussschale lebt

    Derlei Geschichtsvergessenheit ist nicht anders als fahrlässig zu nennen; immerhin findet sich in der Historie des Leipziger Volkshauses und seines Geschäftsführers Karl Wicklein die Geschichte der Arbeiterbewegung in einer Nussschale. Zu entschuldigen ist das fehlende Interesse auch kaum durch teils schmerzliche Widersprüche. Zweimal angezündet und zerstört wurde das Haus von Freikorps und SA. Gegen die vermeintlich bürgerlichen Gewerkschaften demonstriere vor dem Volkshaus aber auch der Rote Frontkämpferbund: Indiz der Zerrissenheit der Arbeiterschaft in der Weimarer Republik, die der Sozialdemokrat Karl Wicklein bis in seine Familie erlebte: Sein Bruder Adolf war Kommunist, was zu tiefen Zerwürfnissen führte. Versöhnt haben sich beide erst kurz vor Adolfs Hinrichtung im Januar 1945.

    An eine unabhängigen Gewerkschaftsbewegung erinnerte das Volkshaus Leipzig auch nach dem Krieg. In der jungen DDR wurden Gewerkschaften zur Massenorganisation, die sich im staatlichen Machtgefüge einordneten. Protagonisten eines anderen Kurses bekamen Probleme – auch Wicklein. Obwohl dieser als Lehre aus dem Bruderzwist für die Vereinigung von SPD und KPD eintrat, habe er den SED-Verantwortlichen bald als »Schumacher-Agent« gegolten, erzählt sein Enkel. Nach dem 17. Juni 1953 wurde die inzwischen in »Thälmann-Haus« umbenannte Gewerkschaftszentrale zum Feindobjekt: Keimzelle des vermeintlichen Putschversuchs sei, schrieb damals das ND, auch der »berüchtigte Volkshauskreis« in Leipzig gewesen.

    Heftig aneinander vorbei geredet

    Monika Kirst hat diesen Teil der Lebensgeschichte Karl Wickleins, der 1955 starb, aus lange gesperrten Akten erfahren, die sie nach 1989 aufstöberte. Seither ist sie immer tiefer in die fesselnde Historie des Volkshauses eingedrungen. Sie ist überzeugt, dass der DGB diese auf keinen Fall verkaufen darf – eine Ansicht, die sie jetzt auch den Delegierten nahelegte. Sachsens DGB-Bezirkschef Hanjo Lucassen sieht das ähnlich. Er bekräftigte am Mittwoch seinen Vorschlag, Traditionshäuser wie das in Leipzig aus dem Paket der zu verkaufenden Immobilien zu lösen und statt dessen weniger geschichtsträchtige Bürohäuser in Düsseldorf oder Berlin abzustoßen.

    Kein Echo fanden derlei Vorschläge bei Finanzchef Haak, der statt dessen weitschweifig erklärte, warum der DGB sich von Unternehmen und Besitz verabschiedet. Folge: Es wurde heftig, aber aneinander vorbei geredet. Haak wälzte Zahlen; Leipziger Delegierte erzählten rührende Familiengeschichten, um zu belegen, dass »kein anderes Haus so eine Geschichte hat«, wie Leipzigs GEW-Chefin Cornelia Falken formuliert. Das sollte der Bundesvorstand »nach all den Briefen inzwischen wissen«, fügt sie hinzu. Zu Korrekturen scheint man nicht bereit.

    Bernd Günther will trotzdem nicht resignieren. Heute soll es in Berlin noch einmal Gespräche geben. Es werde »gekämpft mit allen demokratischen Mitteln«, sagt Leipzigs DGB-Chef, der daran erinnert, dass am Volkshaus einst die Losung »Trotz alledem!« prangte. Das waren freilich auch Zeiten, da sich ein Mann wie der Unternehmer Karl Wicklein auf das »Kapital« der Gewerkschaften besann – und ihnen gerade so durch schwere Zeiten half.