Schön politisch, Frau Pauli

Von Ingo Groepler-Roeser

Die gnä‘ Frau in Latex und Leder; wer hätte das gedacht. Bush sr. bekam es in den 1990er Jahren schon kürzer hin: In nur 6 Sekunden vermittelte er Amerika die Steuerlüge: „Read my lips- no taxes“. Wofür Madonna und Uschi Obermeier jahrzehntelang hart arbeiten mussten, das schafft die bayerische Pauli in ein paar Monaten und denkt dabei auch noch, so ginge es schon. Geht nicht. Oder nur im Rahmen eines orthodoxen kapitalistischen Medienkults. Da ist dann auch schon mal ein Wolfowitz mit löchrigen Socken ein temporärer Star. Neulich war es – und nicht nur in einer „Talkshow“ – als Frau Pauli gefragt wurde, welches Konzept sie wohl aufzuweisen hätte und ob es zu ihrer Vorstellung von der „künftigen Führungsposition“ ein passendes Konzept gäbe. „Mal sehn, was wird.“ floskelte die Pauli und hübschte weiter ins TV-Quadrat. Dass sie eines Konzeptes sei und politisch handhabbar, bleibt indes nur eine Illusion. Es ist zudem fraglich, ob man den unglaubwürdigen Stoiber mit einer adretten Politikerin vergleichen und deswegen ablehnen sollte. Weder der Eine noch die Andere ist glaubwürdig und Stoiber anstelle des Shootingkonzepts wahrscheinlich noch „fähiger“. Dazu gehört, liebe Frau Pauli, mehr als nur ein Haarschnitt und ein bisschen naives Lachen (Kickern) in die Glotze.

Die Paulis von Morgen warten auf uns. Die Gesellschaft ist voll davon und der Strom der Polit-Pin-ups als farbige Vintages scheint kaum abzureißen. Dieter Bohlen versprach sich kürzlich, als er nach den Berufswünschen seiner Kinder gefragt wurde und ob sie denn nicht auch Popstars via „Deutschland sucht den Superstar“ werden wollen: „Nö, die sollen was Ordentliches werden.“ Na wenigstens hat der Bohlen noch den zivilen Anspruch an Ordnung. Was uns aber die Posse um die Pauli zeigt, ist, wie dekadent sich eine Oberschicht fühlen muss, der jeder Realitätssinn völlig abhanden gekommen ist. Nicht, dass Paulis neuer Lebensentwurf für sich genommen kritisierbar wäre. Nein, das nicht. Ihn aber politisch nutzen und sich gleichzeitig bar jeden Konzeptes so politisch zu präsentieren zu wollen, bedarf einer gewaltigen Portion Naivität. Ein bitteren Vorgeschmack auf den oberflächlichen Politikstil bedeutet er schon. Was leider zählt, ist Telegenität mit dem schuppigen Glanz von Intellisex auf seidigem Haar ohne jede Halbwertzeit.

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