G8 – die Tage danach

Die zum Teil gewalttätigen Proteste vom Wochenende haben zahlreiche Debatten ausgelöst. „Wir verurteilen die Gewalt die vom Schwarzen Block ausging, allerdings bleibt fraglich, ob es nicht andere Mittel gibt als den großflächigen Einsatz von Wasserwerfern und Tränengas – auch gegen friedliche Demonstranten. Wieso ist es der Polizei mit über 5000 Beamten nicht gelungen, die Gewalttäter im Vorfeld zu isolieren?“ fragt enstsetzt die Landesvorsitzende Dr. Cornelia Ernst angesichts der Berichterstattung zum G8-Gipfel. „Tragisch ist, dass angesichts der Bilder – die produziert wirken und wohl genau die „Erwartungen“ der Bundesregierung erfüllen – das Anliegen des Protestes in den Hintergrund gedrängt wird,“ sagte sie und forderte, dass die Ereignisse vom Wochenende nicht dazu führen dürften, dass die G8-Proteste kriminalisiert werden. „Schon deswegen sind wir gegen die Randale, die das wichtige Anliegen der Proteste konterkarieren. Dafür steht die Linkspartei.PDS nicht. Wir bleiben dabei, Protest gegen die Politik der G8 ist und bleibt legitim und nötig! Ich fordere alle Gipfelgegner auf, das Wochenende nicht als Rückschlag zu sehen.“ Mitglieder der Linkspartei.PDS Sachsen werden in der kommenden Woche an den verschiedenen friedlichen und kreativen Aktionen in und um Heiligendamm mitwirken, heißt es weiter in der heute veröffentlichten Presserklärung.

Szenen einer Straßenschlacht beschreibt Doreen Hübler in der Sächsischen Zeitung.

Jens Thöricht war dabei, als am frühen Nachmittag die ersten Pflastersteine flogen und eine Schlacht zwischen Autonomen und Polizei begann. Auf die Frage, ob er beteiligt war, antwortet er nur: „Kein Kommentar.“ Und zieht vielsagend die Augenbrauen hoch. Er ist zurückgekehrt ins Camp Reddelich, sein Quartier für die kommende Woche. „Es war ein guter Tag. Das war für uns heute so etwas wie Öffentlichkeitsarbeit“, sagt er. „Um zu zeigen, dass wir da sind.“ Der jugendpolitische Sprecher des Oberlausitzer Regionalverbands der Linkspartei will bis Freitag in Rostock bleiben; bis dahin werde man sicher noch die eine oder andere Aktion starten, sagt er. „Auch am Zaun.“

Sicherlich etwas reißerisch beschreibt sie den Tag in Rostock.

Überm Hafen kreist ein Hubschrauber, Polizei-Hundertschaften haben sich rundherum aufgebaut. Wenig später beginnt das Programm. Roland Hipp, Geschäftsführer von Greenpeace Deutschland, tritt ans Mikrofon, spricht davon, dass eine bessere Welt möglich ist. Katja Kipping, Vizevorsitzende der Linkspartei, sagt: „Diese Demonstration ist ein Erfolg.“

An den Rändern der Menge gibt es neue Auseinandersetzungen zwischen Autonomen und Polizei. Ein Auto wird angezündet, Rauch verdunkelt den Himmel. Die Polizei setzt Wasserwerfer und Tränengas ein. Immer wieder zieht sie Vermummte aus der Menge. 128 Festnahmen und zehn Haftbefehle gibt es an diesem Tag. Die Demo-Leitung wiederholt eine Hotline-Nummer, an die Demonstranten sich wenden sollen, wenn sie in Gewahrsam genommen werden. Nicolas Jacobs aus Belgien ist einer von über 100 Anwälten, die sich um die Fälle kümmern. Kurz vor 18 Uhr hat er so schon so viele Anrufe, dass er das Zählen vergessen hat.

Kurz vor 22 Uhr, eine Stunde vor Ende der Kundgebung, hat sich die Lage beruhigt. Die Band Wir sind Helden spielt ihr Lied „Endlich ein Grund zur Panik“. Nur noch wenige Demonstranten sind da. Bis Mitternacht gibt es im Zentrum noch einige Zusammenstöße zwischen Polizei und Autonomen. ….
Im Camp Reddelich wird in den nächsten Tagen ein reger Austausch zwischen einigen Bewohnern stattfinden, ist sich indes Jens Thöricht sicher. Dass die Krawalle vom Sonnabend irgendwann endeten, habe vor allem eine Ursache: „Viele hatten einfach Angst festgenommen zu werden, jedenfalls nicht schon am ersten Tag.“ Dass einige Bewohner was planen, ist sicher. Was genau, dazu sagt Jens Thöricht nur: „Stillschweigen.“

Dazu sagt Mirko Schultze, Geschäftsführer der Linkspartei. PDS Oberlausitz – Bezug nehmend auf die in der heutigen SZ erschienenen angeblichen Aussagen des Jugendpolitischen Sprechers der Linkspartei.PDS Oberlausitz Jens Thöricht „Für uns war und ist immer klar, dass Protest wichtig und nötig ist. Von der Gewalt am Rande der Kundgebung distanzieren wir uns ausdrücklich, egal von welcher Seite sie ausgegangen ist. Weder das Handeln der Randalierer, noch die überzogene Reaktion der Polizei auf die anfänglich wenigen Randalierer hat zur Deeskalation beigetragen.
Auch für den Jugendpolitischen Sprecher der Linkspartei.PDS Oberlausitz ist klar, dass Protest nicht brennende Autos und zerschlagene Fensterscheiben heißen kann, und dass Gewalt gegenüber Personen kein Mittel der politischen
Auseinandersetzung ist. Die in dieser Woche geplanten Aktionen werden sich daran messen lassen müssen, ob sie wirkungsvoll und kreativ sind und nicht ob sie Gewalt hervorrufen. Ich gehe davon aus, dass bei der Planung von Aktionen diese Maxime berücksichtigt wird.

Interessant die Debatte zur möglichen Rolle von Provokateuren bei indymedia, sowie die Berichte von der Demo. Hier wird deutlich, was aus einer schönen lauten bunten Demo gemacht wurde.

Kommentare

  1. jule sagt:

    Die Szenerie vor Ort wahrgenommen, muss ich die Äußerungen von Cornelia Ernst doch ergänzen:
    Zuerst sei daran erinnert, dass der Schwarze Block als Gleichsetzung mit Gewaltausübung eine medial Konstruktion ist. Dem Block dem fast überall Schuld an der Eskalation untergeschoben wird ist der INTERVENTIONISTISCHEN LINKEN, eines radikalen Linken Zusammenhangs, der den Kapitalismus infrage stellt, nicht aber mit herausgebrochenen Steinplatten agiert. Wenn einzelne Leute am Samstag vermummt rumgelaufen sind,ist das noch lang kein Grund derart gewaltvoll in eine Versammlung einzudringen, und dies über Stunden hinweg, wie es die Sonder-Eingreiftruppen der Polizei getan haben. Dazu kamen Wasserwerfer, deren Geschosse mit Pfefferspay getränkt waren.
    Ich bin mir sicher, dass die Demonstration das Agieren von Einzelnen selbst und viel erfolgreicher reguliert hätte als es die Polizei mit ihrer plötzlichen gewaltvollen Interventionspraxis.
    Alles in allem kein gutes Omen für die Gipfelproteste.
    Heute am 4.6. gab es wiederum 53 Festnahmen, seit Samstag sind es 315…

  2. lars sagt:

    die wirkliche auseinadersetzung mit den krawallen vor ort fehlt, und die ständige suche nach möglichen schuldigen nervt. was wir in rostock erlebt haben, war nur ein teil des „starken staates“ wie in schäuble, westerwelle und co gern sehen und mit ihren unglaublichen provokationen, die diese krawalle auch mit verschuldet haben, erreichen sie jetzt die weiteren forderungen nach mehr Ausrüstung für die Polizeischlägertrupps und weiteren abbau von demokratischen grundrechten. das kann und darf eine LINKE nicht unterstützen und sollte den neuen-alten Polizeistaat aktiv entgegentreten.

  3. ml sagt:

    hm. ich habe die woche danach erlebt. bis zum dienstag beherrschte m.E. die debatte zu den ausschreitungen am samstag die camps. danach die erfolgreiche – gewaltlose – blockade. In den einem der Finger wurde lt. Presseberichten auch ein Polizist aus Bremen enttarnt. Ich persönlich würde mich nicht wundern, wenn auch am Samstag der ein oder andere Polizist direkt oder indirekt an der Gewalt beteiligt war. Mehr dazu bei mir.

  1. […] Die nächsten Tage waren geprägt von der Diskussion über die Vorgänge am 2. Juni. Erklärungen von Attac und Linkspartei Sachsen, von Raul Zelik und anderen Gruppen waren die Folge. Fern liegt mir die Verurteilung der Demo-Gewalt ob der strukturellen Gewalt, der von der kapitalistischen Gesellschaftsformation als solcher ausgeht. Fern liegt mir auch, jeden Idioten zu verteidigen der meint aus Reihe 10 auf Demonstranten in Reihe 1 zu werfen. […]

  2. […] Es hört einfach nicht auf. Wenigstens bei der Jungen Linken Sachens – die sich sonst gern emanzipatorisch und fortschrittlich gibt – hätte ich erwartet, daß ich Dokumente in freien Formaten erhalte. Aber nichts da. Die Standardmail ist raus, aber da es sich um einen Mailverteiler handelt glaub ich nicht, daß jemand antwortet. […]