Die Linkspartei. Zeitgemäße Idee oder Bündnis ohne Zukunft?

Es mangelt an Büchern über die Linkspartei, schreibt Matthias Meisner im Tagesspiegel. Zuletzt ernsthaft hat sich der Historiker Christian von Ditfurth 1998 unter dem Titel „Ostalgie oder linke Alternative“ der PDS gewidmet. Fast zehn Jahre später, deren Vereinigung mit der WASG zur neuen Partei „Die Linke“ steht kurz bevor, wendet sich der Göttinger Politikwissenschaftler Franz Walter dem im Osten geborenen Wesen zu, das sich verspätet anschickt, zur gesamtdeutschen Partei zu werden. Zu seinem Autorenkollektiv gehören vor allem seine Studenten, und die haben kurz vor dem Vereinigungsparteitag am kommenden Wochenende in Berlin eine Fleißarbeit vollbracht. Akribisch haben sie untersucht, wie alles anfing mit der Protestpartei WASG, die die Vorlage bieten sollte für den gemeinsamen Wahlantritt des früheren SPD-Vorsitzenden Oskar Lafontaine und des ehemaligen PDS-Chefs Gregor Gysi bei der vorgezogenen Bundestagswahl 2005. Doch sind Walter und seine Mitautoren bei dieser Analyse auf halbem Weg stecken geblieben. Sie beschreiben zwar detailliert, welche Treffen der späteren WASG-Gründung vorausgingen, lassen aber die entscheidende Perspektive aus – die Kopfgeburt von Lafontaine und Gysi. Die nämlich hatten sich schon vor Gerhard Schröders überraschender Neuwahlankündigung über ihren eigenen Überraschungscoup verständigt, der für die weitere Entwicklung zur Partei „Die Linken“ wesentlich wichtiger werden sollte als die Bewegung „von unten“. Dass die WASG nur ein paar Tausend Mitglieder hat, die neue Linke mithin bis heute eine PDS plus Lafontaine ist, wird nicht hinterfragt, auch das ambivalente Verhältnis zu den Gewerkschaften kaum thematisiert. Weitere Schräglagen der Analyse ergeben sich, wenn es um das politische Personal des Parteienbündnisses geht – so gilt etwa der im Geschäft der Partei praktisch nicht mehr bedeutende André Brie für die Autoren als „Vordenker“, der in der PDS und künftig auch in der Linkspartei als Bundesgeschäftsführer einflussreiche Dietmar Bartsch kommt im Tableau der Macher hingegen gar nicht vor. Ehrlich ist wenigstens, dass der Titel des Walter-Buches mit einem Fragezeichen endet – um die Antwort auf die Frage nach der dauerhaften Verankerung des Lafontaine-Gysi-Bündnisses im Westen mogeln sich die Wissenschaftler lieber herum.

Das von Franz Walter herausgegebene und im Verlag für Sozialwissenschaften erschienene Buch hat 345 Seiten und kostet 26,90 Euro.