Heute vor 190 Jahren wurde Karl Marx in Trier geboren

Das Neue Deutschland sprach aus diesem Anlass mit dem Sozialphilosophen Oskar Negt* über die Aktualität seiner Ideen. Negt ist davon überzeugt, dass der Schöpfer des »Kapitals« auch für die Gegenwart »auf unheimliche Weise aktuell« bleibt.

Was gegenwärtig stattfindet, ist eine kapitalistische Durchdringung aller Gesellschaftsbereiche in Form der totalen Kommerzialisierung und Privatisierung, auch der Plünderung der öffentlichen Güter der Gesellschaft. Die dem Kapitalismus innewohnende Marktbezogenheit, die es immer gab, unterscheidet sich heute von früheren Formen dadurch, dass ihr keine Barrieren mehr entgegengesetzt werden. Wir erleben eine uneingeschränkte Kapitalisierung und Privatisierung aller Wirtschaftsgüter, so dass man geradezu von einem »Privatisierungswahn« sprechen kann.Zum ersten Mal funktioniert das Kapital so, wie Marx es in seinem berühmten Werk »Das Kapital« beschrieb und wie man es auch im »Kommunistischen Manifest« und in den Marxschen Frühschriften nachlesen kann: Es floriert global ohne irgendwelche Blockierungen. Die Globalisierung besteht eben nicht darin, dass ganz neue Strukturen des Kapitals entstanden, sondern dass sich das Kapital in der Welt absolut frei bewegt. Damit verbunden ist eine ungeheure Polarisierung zwischen Arm und Reich, zwischen Wirtschaftszentren und Peripherien, die veröden. In dieser Situation erkennen immer mehr Menschen, dass der »neue Kapitalismus« die Wiederherstellung alter Schichten- und Klassenverhältnisse bedeutet, wobei niemand mehr auf den totalitären Kommunismus »im Osten« als Abgrenzungsrealität verweisen kann.

Negt legt Wert darauf, dass neben Marx auch Kant, und damit die moralische Fragestellung, für „Welt von morgen“ eine wichtige Rolle spielt.

In Chemnitz, dem ehemaligen Karl-Marx-Stadt steht die riesige Büste, die jetzt im Zentrum einer Kunstaktion steht. Ihm soll ein riesiger weißer Kubus übergestülpt werden. So können sich die Bürger mit ihrem symbolträchtigen Denkmal neu beschäftigen, meint Mathias Lindner von der Neuen Sächsischen Galerie in Chemnitz.
Anfang Juni schließlich sollen die Aufbauarbeiten beendet sein. Knapp drei Monate lang kann das Monument dann in der neuen Umgebung besichtigt werden.

„Diesen Raum muss man sich vorstellen als eine Gerüstkonstruktion, die innen und außen jeweils mit einem weißen Stoff bespannt ist, der relativ gut
lichtdurchlässig ist, der also optisch die Stadt draußen lässt, sie aber durch Licht und Geräusche trotzdem präsent lässt, vor allen Dingen eben das Licht, dass der Raum wirklich trotzdem hell bleibt, aber zu sehen ist nur der Kopf.“

Im Innern des Kubus führt eine Treppe auf ein Podest in sechs Meter Höhe, eine weitere Treppe bringt den Besucher auf das begehbare Dach der Konstruktion. Im direkten Blickkontakt mit Karl Marx – eine aufregende Vorstellung für die Chemnitzer Kulturbürgermeisterin Heidemarie Lüth von der Linkspartei.

„Man kann demzufolge mal Marx richtig ins Auge blicken und kann auch mal an seinem Ohr lauschen und dieser enge Zusammenhang zu ihm, ich glaube das ist etwas, was sich Leute vielleicht auch schon mal gewünscht haben, und insofern haben wir gesagt: Das unterstützen wir, weil Marx, es gab mehrere Umfragen hier in der Stadt seit 1990, ob der, der heißt hier ja der Nischel, ob der Nischel weg soll, und immer gab es Mehrheiten dafür, der Nischel gehört hierher nach Chemnitz, und da bleibt er auch – und insofern denke ich, ist es auch mal wichtig, sich mit ihm mal auseinanderzusetzen.“

berichtet Deutschlandradio Kultur soeben.

* Der Sozialphilosoph, der 1962 bei Theodor Adorno promovierte und seine akademische Karriere als Assistent von Jürgen Habermas begonnen hatte, beendete 2002 seine Lehrtätigkeit an der Universität Hannover, ist jedoch weiterhin publizistisch sehr aktiv. Zu seinen wichtigsten Buchveröffentlichungen in der Folge gehörten »Kant und Marx. Ein Epochengespräch« (2005), »Modernisierung im Zeichen des Drachen. China und der europäische Mythos der Moderne« (2007), »Achtundsechzig. Politische Intellektuelle und die Macht« (2008) und »Der politische Mensch« (2008).